Interview
Ein finnischer Wotan in Paris
Jukka Rasilainen, geboren in Helsinki, studierte an der Sibelius-Akademie in Helsinki sowie in Rom, Gesang. Er setzt die traditionsreiche Schule finnischer Sänger fort und brilliert an wichtigen Opernhäusern mit so vielseitigen Partien wie Wotan, dem fliegenden Holländer, Kurwenal, oder aber Don Giovanni, Falstaff und Scarpia. Eine besondere Beziehung hat Jukka Rasilainen zur Semperoper in Dresden, an der er bereits über zwanzig Rollen, darunter zehn Premieren gesungen hat. Dresden verlieh ihm auch den Titel eines Kammersängers. In Paris ist er zur Zeit als Wotan im neuen „Ring des Nibelungen“ am Châtelet zu hören.
Herr Rasilainen, Sie haben als Finne u.a. in Rom studiert. Wie haben Sie die südeuropäische Mentalität empfunden?
Eigentlich wollte ich in Rom damals nur Urlaub machen und habe dann dort eine sehr gute Lehrerin kennen gelernt. Ich glaube, der größte Unterschied liegt doch im Temperament. Ich habe gelernt, Hemmungen, die wohl jeder zu Beginn beim Singen hat, loszuwerden und mit ganzer Begeisterung bei der Sache zu sein. Eine gewisse Leidenschaft für das, was man tut, entsteht dort im Süden fast von alleine.
Außergewöhnlich viele Sänger kommen aus Finnland, z.B. Matti Salminen, und Karita Mattila. Gibt es eine Erklärung dafür?
Was mich betrifft, haben wir schon in unserer Familie sehr gerne und viel gesungen, auch schon meine Eltern. Allgemein kann man wahrscheinlich sagen, dass die finnische Sprache die vokalreichste geschriebene ist und was die Anzahl der Vokale betrifft, direkt nach der italienischen kommt. Da ist eine gewisse Musikalität schon beim Sprechen enthalten.
Versuchen Sie, das deutsche Repertoire, vor allem Wagner, im italienischen Stil zu singen?
Ich bin wirklich ein in Italien geschulter „deutscher“ Sänger. Meine Lehrerin hat mit mir täglich mehrere Stunden die italienische Art zu singen trainiert, so dass ich versuche, meinen Schwerpunkt nicht zu sehr auf einzelne Silben, sondern auf die Phrasierung zu setzen. Und man kann auch bei Wagner wunderschöne, Puccini ähnliche, Phrasen finden. Wotans Abschied „Leb wohl, du kühnes, herrliches Kind!“ in der „Walküre“ ist so eine Stelle. Natürlich müssen Sie die Rezitativphasen ganz anders singen. Wagner ist eine Mischung aus Deklamation, Dramatik und Belcanto.
Glauben Sie, dass diese Ansicht, Wagner italienisch singen zu wollen, eine Zeiterscheinung ist und darauf früher viel weniger Wert gelegt wurde?
Nein, ich glaube Wagner hat diese Musik so geschrieben, und es war sein Wunsch, die großen Partien mit Sängern die eine italienische Technik haben, zu besetzen. Es gab eine Zeit der italienischen und deutschen Spezialisten, doch heute schätz man mehr die Sänger, die beides können, aber selbst jetzt noch stecken mich manche in eine Schublade und sagen, man kann keine internationale Karriere machen, wenn man alles singt. Das stimmt nicht.
Sie singen den Wotan sowohl im „Rheingold“, als auch in „Die Walküre“ und „Siegfried“. Welche Erfahrungen haben Sie mit dieser Partie in den drei unterschiedlichen Opern gemacht?
Wotan im „Rheingold“ ist fast eine Bassrolle, in der „Walküre“ ähnelt er mehr dem Bassbariton und im „Siegfried“ schließlich ist Wotan ein Bariton. Die Partie wird auch immer dramatischer. Die „Wala! Erwach!“ – Rufe des Wanderers sind wirklich für einen Heldenbariton geschrieben. Und ich glaube, man kann einen Sänger nur beurteilen, wenn man ihn in allen drei Opern gehört hat. Meine Stimme zum Beispiel ist heller, man sollte mich auf jeden Fall auch im „Siegfried“ hören. Die Partie im „Rheingold“ ist natürlich die kürzeste und auch sängerisch nicht so schwer, aber man steht sehr lange auf der Bühne. Es gibt fast keine Pause, und man braucht Intensität und Bühnenpersönlichkeit um nicht ganz zu verschwinden, wenn die anderen singen. Alberich oder Loge haben sehr viel Text, und trotzdem darf das Publikum Wotan nie vergessen. Bei seinem ersten Auftritt in der „Walküre“ hingegen, hat Wotan direkt viel zu singen, deshalb ist hier die Stimme das Wichtigste. Der 3. Akt im „Siegfried“ erfordert in relativ kurzer Zeit viel Kraft und Dramatik von dem Wanderer.
Sie erwähnten ja zu Beginn, dass man als Sänger leicht in eine Schublade gesteckt wird. Sie treten auch immer wieder als „Don Giovanni“ oder „Falstaff“ auf. Braucht Ihre Stimme diesen Wechsel?
Ja, absolut. Birgit Nilsson hat einmal gesagt, Mozart zu singen sei sehr wichtig für ihre Stimmführung und mache die Stimme wieder beweglicher. Ich habe vor kurzem Don Giovanni in Hongkong gesungen, und auch mir tut dieser Wechsel von Wagner zu Mozart und zum italienischen immer gut. Falstaff ist natürlich, mit Wagner verglichen, ganz anders. das Orchester ist leiser, man kann lyrischer ansetzen und viel mehr mit Farben spielen. Bei Wagner muss man sehr auf die Orchestrierung achten, denn es ist ein Unterschied, ob Sie von Streichern oder Bläsern begleitet werden. Man muss die Stimme ändern, um durchzukommen. Wenn ich mit den Hörnern singe, darf ich nicht versuchen, wie die Hörner zu klingen, sonst hört man mich nicht mehr.
Zurück zu Wagner und zwar zu „Der fliegende Holländer“, den Sie bereits an der Wiener und Berliner Staatsoper gesungen haben und mit dem Sie 2005 in Bayreuth debütierten …
(lacht) Ja, mein Debüt in Bayreuth war geradezu ein schockierendes Erlebnis. Ich war gerade für „Falstaff“ in Taiwan und bekam mitten in der Nacht einen Anruf, man wollte mich sofort haben. Ich bin dann gleich nach Berlin geflogen, von dort aus nach Bayreuth und hatte schon am Abend die erste Probe. Am nächsten Tag folgte dann gleich eine Orchesterprobe, es ging alles Schlag auf Schlag. Ich hatte zu dieser Zeit auch noch andere Verträge und leider überhaupt keine Zeit, Bayreuth richtig zu genießen. Und wenn man so viele Jahre wie ich im Sommer in Savonlinna gesungen hat, kann man nicht einfach absagen. Als Sänger muss man sich auch an das Opernhaus in Bayreuth erst gewöhnen, der Orchesterklang kommt erst zur Bühne und dann zum Publikum, nicht umgekehrt. Deshalb muss man ein bisschen nach dem Schlag des Dirigenten singen, nicht vorher, wie sonst. Der Klang mischt sich ganz anders, das empfinden wir Sänger auch.
Sie haben mit vielen wichtigen Regisseuren, wie z.B. Robert Wilson (Ring), Peter Sellars (Tristan) oder Martin Kusej (Elektra) zusammen gearbeitet. Wie empfinden Sie die Arbeit mit so ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten?
Am meisten hat mich eigentlich Götz Friedrich geprägt, mit dem ich meinen ersten „Ring“ erarbeitet habe. Jetzt ist es für mich leicht mit verschiedenen Regisseuren umzugehen. Wilson zum Beispiel arbeitet eher bildhaft und weniger erzählerisch, Willy Decker menschliche intensive, Kusejs reizende und widersprüchliche und Peter Sellars liebevolle spannende Arbeit, reissen einen immer wieder aus der Bühnenroutine heraus.
Gibt es auch einen Dirigenten, der Sie sehr geprägt hat?
Da muss ich wirklich Wolfgang Rennert nennen. Er ist eine große Hilfe, man lernt soviel bei ihm. Viele große Dirigenten sind wunderbar, aber viele brauchen auch schon fertige Sänger. Rennert kann eine Basis legen und das ist ganz wichtig. Aber natürlich haben auch Giuseppe Sinopoli, Kent Nagano oder Christoph von Dohnanyi in meiner Karriere eine wichtige Rolle gespielt. Ich singe ja sehr viel an der Semperoper, mit der ich immer noch einen Residenzvertrag habe. Und in Dresden gibt es einfach eine ganz besondere Tradition. Sie finden im Orchestermaterial Noten, in denen noch die eigenhändigen Anmerkungen von Richard Strauss stehen. Es haben hier so viele Uraufführungen stattgefunden, und diese Tradition prägt das Haus und die Arbeit dort sehr, man spürt, dass das was man tut, wichtig ist.
Sie bekommen viele Angebote von Opernhäusern. Welche Höhepunkte stehen denn in der nächsten Zeit noch an?
Das stimmt, ich bin jetzt seit fast einem Jahr ohne Pause unterwegs. Bis 2009 bin ich auf jeden Fall noch sehr viel in Dresden zu hören, u.a. mit Kurwenal, Holländer, Giovanni oder Escamillo und einem Rollendebüt als Macbeth, einem Rollendebüt als Telramunt in Genf und einigen Konzerten als Wotan. Über andere Verträge darf ich noch nicht reden. Den „Ring“ mache ich im Châtelet in Paris und auch wieder in Dresden. Vom Wotan weiche ich nicht.
Marie v. Baumbach












